STEPHAN SCHAD

Interview

 
 

Birte Wentzek: War dir bewusst, dass du nach Grotowskis Methoden unterrichtest?


Stephan Schad: (lacht) Nee! (dann verstellt) „Isch kenne diese Kerl nisch! Dieser Herr ist mir unbekannt!“ Nein, mir war das nicht bewusst.


Welche Veränderungen hast du an mir während der Arbeit gemerkt?


Oh, das find ich, ist eine tolle Frage. (überlegt): Du hast mehr zu dir ge-funden und du bist ruhiger geworden. Ja, das Spielen hat wieder mit dir angefangen. Also, es hatte was mit dir zu tun, fand ich. Du hast gelernt dir selbst wieder ein bisschen mehr zu vertrauen. Vielleicht ist es so simpel.


Erschien es für dich am Ende spannender, mir zu zuschauen als am Beginn unserer Arbeit?


Du meinst, was ich für einen Eindruck von dir hatte als ich dich das erste Mal gesehen habe?... Am Anfang hast Du mir vermittelt: „Ich zeige dir jetzt mal, was ich so mache; dieses Ding an dem ich da gerade dran bin. Das ist im Moment der Stand und den führe ich dir jetzt mal so vor.“ Das war natürlich auch richtig so, das ist ja klar. Das hätte ich auch gemacht an deiner Stelle, was blieb dir auch anderes übrig (lacht). Und davon mussten wir dann halt im weiteren Verlauf weg kommen. Es geht in meiner Arbeit nicht darum, dass du mir was vorführst und in mir eine Bewertungsinstanz siehst, die Kriterien vertritt, die Du dann hoffst zu erfüllen. Das würde eben bedeutet, dass Du ständig denkst: “Ja, wie findet der das denn jetzt? Hoffentlich findet er das interessant, was ich da mache.“

 

Ich sollte also weg kommen von der Überlegung ,Was denkt der Andere von mir?‘ hin zu der Frage ,was denke ich von mir?‘


Ja. Aber natürlich ist es nicht so, dass das Urteil des Anderen nichts bedeutet und dass einem das schnurz sein sollte. Es sollte Dir ganz und gar nicht egal sein, was der Regisseur sieht und reflektiert, was später das Publikum findet. Die sollen mit dem, was Du tust natürlich etwas anfangen können. Wenn Du  verschlossen bin wie eine Muschel und alle sitzen nur ratlos davor, dann ist das ja nicht der Sinn der Sache. Im Entstehungsprozess hingegen, vor allem am An-fang, will ich, dass wir das komplett beiseite legen. Du darfst aufhören darauf zu schielen, wie andere das ,finden‘ und sollst das erst mal nur so ,machen‘ dürfen ohne ständig gespiegelt zu bekommen was andere dazu zu bemerken ha-ben. Deshalb übe ich als dein Rollenlehrer so wenig wie möglich zu sagen. Und glaube mir, das ist eine sau schwere Übung. Immerhin komme ich aus einem Pädagogenhaushalt, da ist es normal, dass man sich von morgens bis abends gegenseitig belehrt. Schrecklich. (Ich gratuliere mir immer nach den Unterrichtsstunden für jede belehrende Bemer-kung, die ich mir verkniffen habe. Leider habe ich den Idealzustand noch nicht erreicht. Das wäre komplett den Mund zu halten und dich höchstens ab und zu mal was zu fragen. Ich übe noch.) Aber, diese Haltung sich vorläufig nur auf sich selbst zu konzentrieren kompromisslos durchzuziehen und als Grundreflex zu kultivieren kann eine große Hilfe sein auf dem Weg eine vortreffliche Flexibilität für sich selbst und am Ende vor allem für die Phantasie von Regisseu-ren zu entwickeln. Leider gibt es eine ganze Reihe von Regisseure, die zu hysterisch sind, um das zu begreifen und deshalb Probleme haben mit ihrer Ungeduld. Die kann man aber austricksen indem man gar nicht so einen großen Bohei um all das macht. Man muss dann eben lange bevor einen so ein egozentrischer Schlaumeier zu Gesicht be-kommt in Ruhe diese eigenen Fragen für sich stellen. Dann kann man nach und nach langsam anfangen sich dafür zu interessieren, wie andere das eigentlich finden. Davor muss ich mich ungestört alleine auf die Suche begeben dürfen.


Jerzy Grotowski hat 1966 in seinem Buch „Das arme Theater des Jerzy Grotowski“ ein Seminar mit dem Titel „Training des Schauspielers“ festgehalten. Darin zitiert ein Teilnehmer Grotowski mit der Bemerkung, dass seine Terminologie, persönlicher Erfahrung und persönlicher Forschungsarbeit entspränge. Jeder müsse seinen Aus-druck selbst finden, die Formulierung seines Ichs, einen absolut persönlichen Weg, um seine eigenen Gefühle zu gestalten. Könntest Du das unterschreiben?


Ja, komplett.


Das passt für dich.


Ja, das Tolle an dem Zitat ist ja, dass es eben keine Theorie ist, sondern dass die Theorie darin besteht, dass sie eben zu diesem individuellen Weg auffordert.


Das bezeichne ich oder bezeichnet er als seine “Methode“....


Ja, es ist ja auch ne Methode.


Es gibt halt nicht „die eine“ Methode


Ja, es ist die Methode, dass es keine Methode gibt ... wenn du so willst... auf ne Art ...


Hast du für dich eine Methode oder besser gesagt, einen Weg gefunden?


Natürlich entwickelt man für sich in 20 Jahren Theaterspielen eine Herangehensweise an einen Stoff, eine bestimmte Methode, wie man Dinge angeht. Das macht jeder. Und jeder macht es anders. Man liest etwas, hat einen Eindruck davon und fängt an Phantasien dazu zu entwickeln oder Fragen. Und in dem Moment, wo es dann in die Praxis geht, tun sich dann diese Fenster auf, wo man merkt: „Ah, okay, sieh mal an, da ist ganz schön viel Raum. Da möchte ich mich jetzt mal ran tasten.“


Wurdest du mal mit Methoden konfrontiert oder in Methoden von Regisseuren „gedrängt“, mit denen du gar nicht umgehen konntest oder die dir gar nicht weitergeholfen haben? Oder konntest du immer so stark sein und bei deiner „Methode“ bleiben, so dass du trotzdem eine Mitarbeit mit dem Regisseur oder mit dem Lehrer gefunden hast?


Natürlich kommt es vor, dass es gelegentlich an der Verständigung hapert. Und natürlich gab es Begegnungen mit Regisseuren deren Herangehensweise für mich eher hinderlich als förderlich war. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es dann immer hilfreicher ist sich an die eigenen Nase zu fassen und die eigene innere Beweglichkeit zu überprüfen. Menschen sind verschieden und Regisseure auch. Die Kunst besteht darin das größtmögliche Interesse für die Phan-tasie der Spielpartner und des Regisseurs aufrecht zu erhalten und gleichzeitig bedingungslos authentisch zu bleiben. Es wird von dir am Theater eine hohe Flexibilität erwartet. Es wird erwartet, dass du im Stande bist mit sehr unter-schiedlichen Regisseuren zu arbeiten. Gleichzeitig kommt es vor, dass Regisseure gekränkt sind, wenn du ganz offen gerne auch mit anderen Regisseuren arbeitest.


Ja, das fängt bei den Lehrern an der Schauspielschule schon an.


Ich kann das n’ bisschen verstehen, aber es ist halt nun mal die Realität, wir sind am Theater damit konfrontiert, dass wir ständig neuen Herangehensweisen, neuen Ästhetiken, neuen Erzählweisen und Deutungen mit neuen Regisseuren gerecht werden müssen. Und diese Wachheit, diese Bereitschaft sich auf ganz andere Sichtweisen und auf ganz andere Phantasien einzulassen, ist Berufsgrundlage.


In dem Zusammenhang hast du mal gesagt, dass die Regisseure sich individuell auf jeden einstellen sollten.


Ja, das ist vielleicht dann auch deren Teil, den sie dazu beitragen müssen. Auf der anderen Seite muss man vielleicht wirklich gucken, wo verläuft denn die Kompetenzgrenze zwischen dem Regisseur und dem Schauspieler? Die gibt’s ja. Ich muss es ja nun mal spielen als Schauspieler. Und wenn der Regisseur mir das z. B. dauernd vorspielt, da muss ich irgendwann sagen: „Pass auf, du spielst das am besten mal selber.“ Also, ein Regisseur, der mir was vorspielt, der überschreitet seine Kompetenzen. Das meine ich jetzt gar nicht, wie soll ich sagen, „hierarchietechnisch“, sondern ich meine das so, dass mir ein Regisseur in dem Moment, wo er mir etwas vorspielt, eigentlich die Phantasie beschädigt. Weil ich dann ein Bild von ihm habe, wie er das gern haben will. Und wenn ich doof bin, versuche ich das irgendwie nachzumachen. Dann bin ich ein Hampelmann und „Abruf-Affe“ (wie der große Hans Christian Rudolf das mal ge-nannt hat), der versucht zu erfüllen, was er gesehen hat. Das hat dann nichts mehr mit unserem Beruf zu tun.


Dadurch kommt man weg von dem, wovon man überzeugt ist und von dem, was du mir auch gezeigt hast, dass man bei sich suchen, bei sich schauen soll.


Genau.


Und was Grotowski auch seinen Schülern empfiehlt, wie ich vorhin zitiert habe, dass man nicht irgendetwas nachäfft, nachmacht, nachahmt, sondern bei sich sucht, wo ist das bei sich im Körper, im Geist..


Ja, also es gibt so eine nette Geschichte über den Claus Peymann, weiß nicht, ob ich die dir mal erzählt hab. Was war das große Erfolgsrezept von Claus Peymann? Der hat ja nun Jahrzehnte lang sehr, sehr erfolgreich Theater auf den großen Bühnen des deutschsprachigen Raums gemacht und mir hat das mal n’ Schauspieler beschrieben, der länger mit ihm gearbeitet hat; der hat gesagt, dass das Erfolgsrezept Peymanns u. a. ist, dass er außer Stande ist, zu erklären, was er will. Und er hat ein Auge für sehr, sehr gute Schauspieler. Das heißt, er besetzt von mir aus irgendein Stück mit sehr guten Schauspielern, dann beginnen die Proben. Er sitzt dann da, irgendwie, an seinem Tisch, auf der Probebühne oder im Parkett und die spielen ihm vor und er macht immer nur (ahmt ihn nach): „Ähh, nee ... watte mal, ... ähhh! ... (verrenkt seinen Körper) ... ähhh, mal sehn...!“ Und die Schauspieler sind damit konfrontiert, dass sie da so’n greinendes Wesen hocken haben, was erst zufrieden ist, und aufhört rumzumaulen, wenn du aus dir selbst heraus schöpfst. Er spielt also nichts vor, sagt nicht mal, was du machen sollst, weil er’s nicht kann. Er kann gar nicht erklären, was er will. Und vorspielen kann er’s schon gar nicht. Dann fängst du an, in dir zu suchen, weil dir gar nichts anderes übrig bleibt. Du suchst so lange in dir, bis dieses greinende Wesen da unten endlich zufrieden ist und aufhört zu nerven. Und deswegen sind diese Schauspieler sehr bei sich, weil sie nur aus sich schöpfen. Ich glaube, ich mach das so mit der nächsten Schauspielstudentin wie dir, dass ich mich greinend und jammernd da unten hin setze und nur rumgrunze, die ganze Zeit. Mal sehn, was dann passiert nach 4-5 Monaten?!


Ich glaub, die verlässt dich...


Mmhh, mal sehn...


Warum hast du da so drauf beharrt, dass ich, gegensätzlich zu dem, wie es mir beigebracht wurde, meine „privaten“ Probleme mit in die Rolle hinein nehme?


Ich glaub, da muss man total unterscheiden zwischen privaten Problemen und persönlichen Gefühlen. Deine privaten Probleme will ich wirklich nicht auf der Bühne sehn. Das ist nicht so ergiebig. Das heißt aber nicht, dass deine persönliche Gefühlswelt nicht entscheidend ist für dein Spiel. Ich glaube, dass man das ganz deutlich unterscheiden muss. Das ist gar nicht so schwierig. Ich glaube, das kann man auch mit einem gewissen Instinkt sofort unterscheiden.

Wenn du z.B. in der Zeit, in der wir an einer Rolle arbeiten, mit einem Freund oder einer Freundin Probleme hättest und wir würden jetzt konkret diese Angelegenheit ins Spiel mit rein nehmen, dann wäre das eine Art von Privatismus, den ich total falsch fände. Wohingegen wenn du in der Figur ne Angst oder ne Sorge, das Gefühl einer Sorge hast, dann ist es natürlich wichtig, dass du imstande bist, deine Erfahrungen mit Angst und Sorge emotional für dich erlebbar zu machen ohne das herbei zu pumpen. Also, zu sagen: „Ich bin da jetzt wirklich erschüttert, weil mich dieses und jenes jetzt ganz doll irritiert.“ Oder so. Dass du z. B. dieses Gefühl der Erschütterung, das Erlebnis einer Erschütterung tatsächlich hast. Also dir wieder ‚das Erlebnis verpassen’! Dass man also das „Erlebnis“ schon hat, dass man das also ER-LEBT, im wahrsten Sinne des Wortes.


Das wieder erleben.


Ja, und dass man es lebt und dass das Gefühl lebendig wird. Das ist aber ganz und gar nicht dein privater Krempel.


Das sind also nur die Emotionen, die man hoch holt.


Ja, man muss ganz klar unterscheiden zwischen privat und persönlich. Und natürlich muss es zutiefst von dir persönlich sein. Das heißt noch lange nicht, dass mich dein Privatleben interessiert. Das ist so wie man Realismus und Naturalismus unterscheiden kann. Das sind auch zwei völlig verschiedene Dinge und es wird manchmal auch von Leuten, die das nicht unterscheiden, fälschlicherweise in einen Topf geworfen.


Was wünschst du dir von deinen Kollegen?


Ja, was wünsch ich mir von meinen Kollegen? In dem Moment, wo man spürt, da hab ich nen’ sauguten Kollegen neben mir auf der Bühne stehen ... für den einen oder anderen mag das wie ne Bedrohung wirken: „Hilfe, der ist ne Gefahr, weil der so gut ist.“ Und ich hab das, ehrlich gesagt, nie so empfunden. Ich habe gute Kollegen immer als Bereicherung empfunden.

Und das Tolle an diesen Kollegen ist, die man auch lernt zu verehren, weil sie so toll sind, also weil es mich wirklich wahnsinnig freut, mit ihnen zu spielen und zu proben. Also die großen Kollegen, die mir begegnet sind, wo ich sagen würde, das ist einer ... so’ n ganzer Großer unserer Zunft, die sagen am allermeisten, und zwar ohne Koketterie: „Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht. Das ist ein Rätsel, das immer größer wird.“


Und was ist für dich das Wichtigste in diesem Zusammenhang, was ein Schauspieler beherrschen oder können muss? Oder mitbringen sollte?


Menschenliebe.


Was hat dir damals deine Schauspielschule beigebracht? Und was hast du später, nach der Schule, dazugelernt?


(lacht) Oh Gott, darüber könnten wir ja Stunden reden. Also meine Schauspielschule hat mir ... die haben uns ne gewisse Bescheidenheit beigebracht. In einer gewissen Hinsicht haben sie uns immer gesagt: „Seid mal schön bescheiden und seid froh, wenn ihr irgendwo in der deutschen Theaterlandschaft eine Arbeit findet.“


Wo warst du auf der Schauspielschule?


In Stuttgart. ... „Erwartet nicht, dass euch gleich nur die großen Häuser abgreifen. Das müssen nicht unbedingt eure Maßstäbe sein. Sondern eurer Maßstab sollte sein: ein neugieriger, wacher Schauspieler zu werden. Und wenn’s in Braunschweig ist.“ So wie ich in Braunschweig damals als Anfänger gelandet bin. Ich empfinde das übrigens noch heute als Glück, dort gelandet zu sein.


Das ist genau das Gegenteil, was mir beigebracht wurde.


Ja, euch wird gesagt: „Seht mal zu, dass ihr an die großen Häuser kommt.“


Ja.


Ich finde diese große, reiche Theaterlandschaft bis in jede Kleinstadt hinein, wo jede Kleinstadt ihr Stadttheater hat, find ich einen ungeheuren kulturellen Schatz in diesem Land, der auch beispiellos ist. Es gibt kein Land der Welt, das so eine Theaterlandschaft hat wie der deutschsprachige Raum.... und vielleicht ist es auch etwas, das wir brauchen ... ich glaube, dass uns das gut tut, wenn man so’n Komplex hat wie die Deutschen mit so einer Vergangenheit und ich glaube, das Beste für die Deutschen mit so einer Vergangenheit ist, ein Theater zu gründen. Oder Schulen oder Tempel.


Wie lange spielst du schon professionell Theater?


Ja, das sind jetzt bald so 20 Jahre. Was haben wir’s jetzt ?... 2007 ... ähh ... 89, also 18 Jahre. Ja, es sind jetzt 18 Jahre.


Wie lange hier am Thalia Theater in Hamburg?


Am Thalia Theater bin ich jetzt in der neunten Spielzeit.


Was glaubst du, was ein Schauspieler/ Schauspielerin braucht, um großen Erfolg zu haben? Erfolg definiert als Erfolg für dich, ich meine nicht Star eines Hauses zu sein, sondern für sich erfolgreich zu sein.


Das ist eben genau die Frage, was ist Erfolg? Ich glaube, jeder definiert Erfolg immer n’ bisschen anders. Für mich gibt es drei Faktoren, die Erfolg ausmachen. Erstens den öffentlichen Erfolg, der in der Presse reflektiert wird, und der sich von mir aus auch durch einen Publikumszuspruch ausdrückt. Den internen Erfolg, wo dann irgendwie innerhalb eines Hauses sich die Regisseure um dich reißen und jeder im Haus dann irgendwie sagt: „Oh, wie toll war das denn! Wir sind ja so fürchterlich froh, dass wir dich haben!“ Und dann gibt es sicher auch das persönliche Erfolgsgefühl. Das Gefühl der persönlichen Befriedigung. In dem Moment, wo man das Gefühl hat: “Da mach ich jetzt was, da ist auf ne Art was stimmig oder zuminderst glaube ich in die richtige Kerbe zu hauen!“ Also wo ich mich auf einer guten Suche befinde. Ich bin sicher, dass für jeden eine andere Mischung aus diesen drei Faktoren wichtig ist. Es gibt vielleicht einzelne, denen der öffentliche Zuspruch am meisten bedeutet oder andere... aber wenn ich das jetzt ... also wenn ich mich ganz zurücknehme und versuche, mal von außen drauf zu gucken, find ich das dann echt ne zweitrangige Frage, muss ich sagen. In aller Bescheidenheit. Natürlich brauchen wir den Erfolg und wir brauchen den Applaus und das ist die Belohnung für die Dinge, die wir uns im Schweiße unseres Angesichtes erarbeitet haben. Und auf der anderen Seite.... (überlegt.)


Na ja, du hast mir ja auch grundlegende Dinge in der Hinsicht beigebracht...


... ja. Ich kann ja versuchen, das mal zu formulieren, was für mich wirklicher Erfolg wäre. Also, ich mach’s jetzt mal so: Am Theater beschäftigen wir uns von morgens bis abends mit nichts anderem als mit uns selbst. Also, ich gehe auf die Probe und ich versuche, aus mir heraus zu schöpfen, eine Figur zu erfinden und das mach ich mit meinen Mitteln und mit meinen Farben, mit denen ich halt malen kann. Das ist eben so, man kann eben nicht in die Farbtöpfe der Anderen greifen. Sondern man kann nur in die eigenen Farbtöpfe greifen. Und das ist eben manchmal der Fehler von Regisseuren, dass sie versuchen, einen Schauspieler, eine Schauspielerin zu zwingen, in einen Farbtopf zu greifen oder Farben hervorzubringen, die gar nicht zur Verfügung stehen.

Und, obwohl man im Detail noch mal darauf eingehen könnte, denn natürlich hast du durch die Provokation eines Regisseurs, der mal was ganz Neues von dir will, auch ne Bereicherung und plötzlich entwickelst du Farben, von denen du gar nicht geahnt hast, dass du sie hattest. Das ist alles sehr kompliziert. Aber es gibt auch den Punkt, wo man sagt: „Jetzt möchte ich auch wirklich mal mit meinen Farben malen.“ Ja, darüber reden wir ja auch die ganze Zeit.

Und das Interessante ist eigentlich, je mehr ich das hinkriege, mit meinen Farben zu malen, je mehr ich es hinkriege „von mir zu erzählen“, in dem Maße, wie mir das gelingt, steigert sich das Gefühl des Zuschauers: „Hey, der erzählt ja von mir!“


Das heißt, je mehr du von dir erzählst, desto mehr finden sich die Leute in dir wieder und in dem, was du erzählst?


Ja, und das ist für mich n’ ganz großes Rätsel. Weil, ich erzähle ja von mir und nicht von dem! Und trotzdem stellt sich da was ein, das ist mein Erlebnis, auch wenn ich mich selber ins Theater setze und zuschaue. Wenn ich jemanden sehe, der das wirklich wahnsinnig gut kann und der nur von sich erzählt, weil er auch imstande ist dazu. Je mehr er das tut, umso mehr hab ich als Zuschauer das Gefühl: der erzählt aus meinem Leben. Oder ich denk „das bin ja ich“ oder „au ja, das kenn ich auch“ und plötzlich fang ich an, über mich selber zu lachen und zu weinen.


Vielleicht hätte ich auch ein bisschen anders fragen müssen...


Ich bin ja noch nicht ganz fertig...


Was ist dir das Wichtigste, was du mir beibringen wolltest?


Darauf komm ich jetzt gleich. Ich will nur sagen: dieser Vorgang ist mir so wichtig. Dass man sich dessen bewusst ist, dass es um diesen Vorgang geht. Und in dem Maße, in dem das gelingt, würde ich sagen, ist ein Schauspieler erfolgreich. Also, ein Schauspieler ist erfolgreich, wenn zu ihm nach der Vorstellung jemand kommt und sagt: „Hey, du hast aus meinem Leben erzählt!“ Das finde ich erfolgreich. Und wenn es noch so abstrakt war. Wenn es auf einer abstrakten Folie stattgefunden hat und wenn es ganz sperrig und noch so schwer zu verstehen und ganz rätselhaft war, heißt es ja nicht, dass man gefällig ist, ganz und gar nicht, sondern eigentlich heißt es das Gegenteil. Man sollte versuchen, so schonungslos wie möglich zu sein.

Aber ich wollte noch was anderes sagen: ich glaube, wenn man in einem sehr guten Theaterstück sitzt, dann erfährt man viel über sich selber. Dann erfährt man etwas über seine Zeit und über die Welt, in der man lebt. Man sieht dann etwas über das, wie man ist. Und wenn man in einem sehr guten Kinofilm sitzt: Also, dieser neue „James Bond“ ist wirklich saumäßig gut. Ich sehe 2 Stunden lang, wie ich gerne wäre und nicht, wie ich bin und das macht Spaß. Ich wäre auch gerne so und würde nur schlagfertige Sprüche...


Aber der „James Bond“ - Darsteller wäre vielleicht auch gerne so....


Ja klar! Ich mein nur, ich finde, das ist ein Unterschied zwischen einem sehr guten Unterhaltungsvorgang und einem künstlerischen Vorgang, der auch unterhaltend sein darf oder muss oder ... das wäre für mich der Unterschied ... und beide Vorgänge ... aber das kann auch bei einem guten, also bei einem sehr guten Film, ich mein das große Kino, das Kintopp eben ... „James Bond“ ... das ist ja deswegen trotzdem ... ach, du weißt, was ich meine....


Ja, und das war das Wichtigste für dich, mir beizubringen?


Na ja, ich würde mal so sagen, was mir ganz besonders wichtig war: Ich hatte eigentlich einen dominierenden Gedanken, das war, als ich euch so erlebt habe, da als Studenten und ich dachte, es wäre saugut, mit euch was zu machen, was bisher offenbar noch keiner mit euch gemacht hat. Etwas, was aber auch, wenn ihr ans Theater kommt, niemals jemand mit euch machen wird. Denn am Theater wird euch dann die entsprechende Leistung abverlangt.


Das Ergebnis...


Ja das Ergebnis. Dass du funktionierst und dass du interessant bist. Denn da hat ja jeder so seine Interessen. Leute leben ihre Interessen am Theater aus. Die haben auch ihre Ängste und die haben auch ihre Erfolgsängste. Und deshalb verfolgen sie dann halt so ihre Interessen. Das heißt, sie haben gar nicht die innere Ruhe zu sagen: „Ah, das interessiert mich: da ist ne junge Schauspielerin, die ist ganz unerfahren, die ist unsicher, die versucht, was zu erfüllen. Jetzt hol ich die mal ganz woanders hin. Nicht weil ich erfolgreich sein will, sondern weil’s mir darum geht, menschlich zu arbeiten. Weil’s mir darum geht, dass Menschen, die mit mir arbeiten, angstfrei arbeiten. Weil es mir ein Anliegen wäre, dass diese Menschen zunächst mal angstfrei arbeiten und sich auf dieser Grundlage entfalten können. Auf diesem Humus, frei von Angst und Machtvollzug, gedeihen die schöneren Pflanzen. So was setzt meiner Überzeugung nach mehr künstlerische Energien frei als alle Profilneurosen dieser Welt. Das ist ein Prinzip, welches eine ganze Reihe von wahnsinnig tollen Riegie-Genies, z.B. am Thalia Theater aber nicht nur da, Leute wie beispielsweise Petras oder Kriegenburg, kein bisschen begriffen haben. Da wird nicht angstfrei gearbeitet, sondern da wird mitunter bewusst mit Angst operiert. Armin Petras zum Beispiel schüchtert bei Vorsprechen an seinem Maxim Gorki Theater in Berlin die Bewerber bewusst ein, behandelt sie unverschämt, organisiert eine schlechte Atmosphäre, ließt Zeitung während Du spielst etc. Keine Ahnung was er damit bezweckt. Vielleicht will er rauskriegen wer „tough“ genug ist dagegen aufzubegehren, das findet er dann cool oder er interessiert sich, im Gegenteil, nur für Arschkriecher und Hofschranzen die sich das bieten lassen? Vielleicht ist es aber auch viel primitiver und er genießt lediglich nur sein kleines Bisschen beschissene Macht, weil er eine Stelle zu vergeben hat, auch möglich.


Ja, man fragt sich: „ist das Strategie?“ Oft wird aber auch unabsichtlich Angst gemacht?


Ja, sehr oft ist das auch nur ganz unbewusst. Aber auch das ist nicht mein Weg. „It’s not my cup of tea.“ Und da wehre ich mich auch dagegen. Also, ich bin da jemand, ich lass mir auch keine Angst machen und das nervt den einen oder anderen natürlich auch. Das ist bestimmt anstrengend.

Auf der anderen Seite versuche ich mich auch manchmal in die Lage von so jemandem zu versetzen, der erfolgreich sein muss, weil er sonst weg vorm Fenster ist. Das muss man schon auch noch beachten. Das ist auch sauschwierig als Regisseur. Du bist nur drin, solange du drin bist. Wenn du einmal draußen bist, ist es fast unmöglich, wieder rein zu kommen. Außer du hast noch Menschen, die dich halt noch kennen und schätzen. Es gibt große Regisseure, für die sich kein Schwein interessiert. Als Schauspieler können wir unser Leben lang vorsprechen gehen und von uns was zeigen. Als Regisseur kannst du das nicht. Da kannst du nur was von dir zeigen so lange eine Inszenierung von dir läuft. Und das ist schon noch mal ein ganz anderer Druck. Und das ist ein sauschwerer Beruf, Regie. Das ist sauschwer. Deswegen versteh ich das auch. Ich hab Verständnis für diese Ängste. Ich hab Verständnis für diese Paranoia. Deswegen teile und kultiviere ich sie aber noch lange nicht. Das hast du vielleicht auch bemerkt in meiner Arbeit an der Hochschule. Da könnte es ja auch sein, dass es mir wahnsinnig wichtig ist, möglichst toll da zu stehen mit dem Ergebnis, was ihr da bringt. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass mir das schnurz egal ist. Ja, weil’s mir darauf nicht ankam.


Das ist auch was, was mich angstfrei gemacht hat...


Und was ich dir mitgeben wollte, weil ich so dachte, das ist so wichtig, dass man euch noch mal irgendwie einen Schutzraum bietet. Wo man sagt: „Du musst jetzt hier gar nichts beweisen. Du musst nix zeigen und du musst auch nicht toll sein, sondern du sollst dir mal diesen Atem nehmen, um in dich reinzulauschen. Ohne Ergebnis. Sondern nur mal an dir ... an den Saiten deiner Seele zu zupfen und mal zu gucken, was dann klingt. Ohne dass da dann gleich einer was bewertet. Und dass man übt, sich an sich selbst heran zu tasten. Das macht keine Schauspielschule. Und die Regisseure am deutschen Stadttheater machen das schon gar nicht.


Leider nicht.


Ja, leider. Und das meine ich: deswegen habe dir am Anfang der Arbeit gesagt: „Ich bin kein Regisseur.“ Und ich hab dir auch gesagt: „Hey, hör zu, ich bin hier auch kein Lehrer. Ich bin im besten Fall ein zukünftiger Kollege.“


Für mich warst du trotzdem ein Lehrer, im positiven Sinne.


Ja, das ist ja auch schön und das freut mich ja auch, und trotzdem ist das n’ Unterschied in der Arbeitshaltung. Dass ich mich eigentlich nicht vor dich hinsetzte und sage: „So, jetzt zeig mal!“ Sondern dass ich mich eigentlich neben dich hin stelle und sage...


Stimmt, du bist sogar mal mit auf die Bühne gekommen


... dass wir jetzt mal in uns rein lauschen. Das ist n’ Riesenunterschied.


Wie bist du darauf gekommen, die wichtigsten Begriffe aus dem Text heraus zu nehmen?


Weil mich das gelangweilt hat, da jetzt sofort genau zu wissen, worum es geht. Das fand ich trivial.


Weil gerade das ist ja beim Publikum so gut angekommen. Sowohl in der Schule, als auch bei den Vorsprechen, weil die Zuschauer durch weniger Worte den Text besser verstanden haben.


Toll.


Und du hast das auch so gemacht, weil dir dadurch das Problem besser erklärt wurde?


Es hat ’n bisschen damit zu tun, dass es mich in dem Augenblick interessiert hat ... also, du siehst einen Vorgang auf der Bühne, von mir aus auch im Kino, und du verstehst ihn nicht. Jetzt kann es sein, dass du dich desinteressiert abwendest, weil du ihn nicht verstehst. Oder dass es dein Interesse erst recht provoziert, weil du ihn nicht verstehst. Weil du es wissen willst, weil du es verstehen willst. Das ist natürlich auch ’n großes Rätsel: wie kriegt man das hin, dass du ne Sache so erzählst, dass der Zuhörer jetzt unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Dass er sich total dafür interessiert, weil er’s verstehen will. Weil er verstehen will z. B. „worum geht’s denn hier?“ Der Zuschauer will ja wissen, worüber du redest. Es ist ja nicht so, dass ’n Zuschauer das nicht interessieren würde, sondern das Gegenteil ist der Fall: der Zuschauer will das ja wissen, der will wissen: „Was redet die da?“


Das heißt, man weckt das Interesse, indem man Wörter raus nimmt und das Ding einfach spannend macht.


Ja, man weckt das Interesse dadurch, dass man, in diesem konkreten Fall ist das jetzt natürlich so, in anderen Dingen kann man das jetzt natürlich ganz anders anschauen, aber in diesem konkreten Fall war das so, dass ich das Gefühl hatte, dass es dafür geeignet war, dass ich das so mache. Dass du also als Zuschauer von Anfang an das verstehen willst. Und jetzt war es spannend für mich herauszufinden, wie lange man diese Spielchen treiben kann, dass man es eben nicht versteht und es trotzdem umso mehr wissen will, je länger man es nicht versteht. So, das war das Experiment. Und wir haben das natürlich schon so gemacht, dass wir das am Ende eben doch versteht. Das war mir total wichtig.


Nicht ganz; die Menschen, die zugeschaut haben, die haben zwar die Grundhaltung verstanden, also, dass sie einsam ist, verlassen ist und Krebs hat, aber...


Ja, aber um mehr ging’s ja nicht.


Aber dass sie durch die Pille, die sie genommen hat, Krebs bekam und dass sie die Pille genommen hat, damit ihr leben spannender wird...


Das fand ich aber unwichtig ... ob sie jetzt die Pille genommen hat oder was sie da jetzt genau gemacht hat, war völlig unwichtig. Wichtig war mir, dass der Zuschauer dran bleiben konnte, es weiter verstehen wollte. Und wenn man aufmerksam zugehört hat bei dem Ding, hat man am Ende genau mitbekommen, dass sie Brustkrebs hat. Das hat man schon sehr wohl verstanden. Und das find ich total wichtig. Ich finde es schrecklich, wenn es Regisseure z.B. originell finden, so was so zu machen, dass du nur noch Bahnhof verstehst und sich am Ende auch nichts auf- oder einlöst. Das ist ja dann ne regelrechte Verarsche.


Dann hätten sich die Leute ja gelangweilt abgewendet.


Ja, oder du bist am Ende enttäuscht. Du denkst die ganze Zeit: „Es kommt was. Es kommt, damit ich noch mal was verstehe!“ Es kommt aber nie. Das geht nicht.


Hast du einen Unterschied zwischen unserer ersten Probe und der letzten Probe gemerkt? Was kannst du da als Beobachtung mitnehmen, was sich äußerlich verändert hatte.


Natürlich hab ich n’ Riesenunterschied gemerkt. Ich kann mich an dich sehr gut erinnern, wie du das dann zum Schluss mir noch mal vorgespielt hast, bzw. uns allen dann noch mal und ich hab gemerkt, dass du geschnallt hast, dass du gesagt hast z.B. „Ich fang hier an, wenn ich anfange und nicht, wenn ihr es wollt. Und ich besitze die Unverschämtheit so tief einzuatmen, wie ich das muss, um ausatmen zu können“ und nicht „Äh, bin ich gut? Gefall ich euch?“ Gar nicht, sondern auf die innere Suche zu gehen, immer wieder auf die innere Suche zu gehen und zwar jedes Mal! Dass es sozusagen so eine Grundhaltung wird der ganzen Arbeit gegenüber, es eigentlich immer zu suchen und nie zu glauben, man hätte es.


Was konntest du für dich aus unserer Arbeit mitnehmen?


Sau viel... sau viel. Ich mach das ja letztendlich nur, weil ich spüre, dass ich dabei jedes Mal selbst unendlich viel lerne. Das ist ja der Grund, warum ich das mache. Es geht nur darum, dass ich merke, wie viel ich selbst bei dieser Arbeit über diesen rätselhaften Beruf lerne. Ich hab z.B. also einen Effekt entdeckt, dass ich wieder neu meine Haltung zu Regisseuren überprüft habe und viel Verständnis gefunden habe für die Regisseure und für die Schwierigkeiten, die Regisseure haben, etwas zu vermitteln. Wenn man selber etwas erklären muss, was eigentlich nicht erklärbar ist, dann erlebt man das wieder, wie das halt so ist. Und das war saugut. Aber auch noch viele andere Dinge. Also, man lernt selber wahnsinnig viel dabei. Und man lernt auch nie aus. Es ist ja auch so interessant ... es gibt Leute, die seit 25, 30 Jahren diesen Beruf machen. Also manchmal erlebe ich ältere, erfahrene Kollegen im Gespräch, und die unterhalten sich so über unsere Arbeit, als wären sie Anfänger. Und sie versuchen, sich darüber zu unterhalten, wie das geht. Das gibt’s auch nur bei uns. Weil, ein Kranfahrer, der weiß, wie man einen Kran fährt ... und da ist er auch stolz drauf, dass er das weiß. Und wir sollten eigentlich stolz darauf sein, dass wir uns da nicht so festlegen.


Grotowski sagt dazu: „sich suchen, sich unablässig suchen, ein Leben lang.“


Ja, das unterschreibe ich sofort.


Ich danke dir. Ich habe alle Fragen gestellt, hast du noch Fragen an mich?


Ja, ich hab noch viele Fragen.